11225363_889389934469456_3359221096112386072_n

26.08.2015 (22:00) CR Vasco da Gama – CR Flamengo 1:1 (0:1)

26.08.2015 (22:00)
Copa do Brasil (Achtelfinale, Rückspiel)
CR Vasco da Gama – CR Flamengo 1:1 (0:1)
Estádio Jornalista Mário Filho (Maracanã)
Zuschauer: 49’367 (ca. 40’000 Gäste)

Fotos & Text: Flo

Das Losglück hatte mir für das Achtelfinale des brasilianischen Pokals das derzeit wohl hitzigste Derby des Landes beschert: Flamengo – Vasco, eines der Derbys in Rio de Janeiro. War die Vorfreude direkt nach der Auslosung noch riesig, wurde diese jedoch schnell ersetzt durch mehr und mehr Zweifel. Gründe dafür gab es zahlreiche. Anfang August hatte ich mit dem Derby Grêmio – Internacional in Porto Alegre mein erstes Spiel in Brasilien gesehen. Die Stimmung dort hatte mich jedoch trotz des 5:0-Kantersiegs des Heimteams keineswegs aus den Socken gerissen. Darüber hinaus wurde mir von mehreren Seiten bestätigt, dass die Brasilianer oft erst in den wirklich wichtigen Spielen so richtig aus den Startlöchern kommen. Auch die Zuschauerzahl aus dem Hinspiel las sich mit 35‘000 im 70‘000 Zuschauer fassenden Maracanã recht ernüchternd. Zieht man hier den Vergleich mit Argentinien, wo es bei grossen Derbys oft nahezu unmöglich ist, an Karten zu gelangen, kommt einem doch der ein oder andere Zweifel an der so berühmten brasilianischen Fussballleidenschaft. Entsprechend skeptisch war ich also, als ich mich rund zwei Stunden vor Spielbeginn auf den Weg zum Maracanã machte. Zumindest das Hinspielergebnis von 1-0 für Vasco gab mir etwas Hoffnung, liess dies doch für das Rückspiel für beide Teams alle Chancen offen.
Zwar ist das eigentliche Heimstadion von Vasco das São Januario, aus Sicherheitsgründen wurde das Spiel dann aber wohl ins Maracanã verlegt. Zwar schade, in Anbetracht der Tatsache, dass Vasco sein Heimspiel gegen Flamengo in der Liga sogar im fast 2‘000 (!!!) Kilometer entfernten Cuiabá austragen musste, jedoch wohl eher Glück im Unglück.
Im Stadion selbst machten sich dann die Kräfteverhältnisse was die Grösse der beiden Vereine anbelangt, deutlich bemerkbar. Obwohl als Heimteam geführt, besetzte Vasco gerade so die obere Hälfte der einen Kurve, während quasi der ganze Rest des Stadions fest in Händen der Fans des Stadtrivalen war und das Spiel somit zum Heimspiel für Flamengo verkommen sollte (Zahlenmässig Vasco mit ca. 10‘000 und Flamengo mit ca. 40‘000 Leuten). Ungeachtet dessen fingen beide Seiten rund 45 Minuten vor Spielbeginn langsam an, sich warm zu singen. Was die Lieder angeht, so erschienen mir diese etwas weniger melodisch und kürzer als die Lieder der argentinischen Hinchadas. Wer bereits einmal Videos von argentinischen Kurven gesehen hat, wird wissen, dass deren Lieder oft sehr lang und von der Melodie her sehr komplex sein können. Auch die für andere südamerikanischen Länder charakteristischen Bandas mit Trompeten, Posaunen etc. kamen hier nicht zum Einsatz, lediglich Trommeln. Grosse Schwenkfahnen fanden ebenfalls viele Verwendung. Insgesamt erschien mir der Support im Vergleich zu anderen Ländern in Südamerika deutlich „europäischer“.
Nach rund 15-minütigem auf und ab zeigte die Torcida von Flamengo dann rund 30 Minuten vor Spielbeginn zum ersten Mal ihr ganzes Potential und sang die Jungs von Vasco bis Spielbeginn phasenweise richtiggehend an die Wand. Der Orkan „Flamengo“ hatte bereits zu diesem Zeitpunkt meine anfänglichen Zweifel vergessen gemacht. Da war hier und heute richtig viel drin.
Das Einlaufen der beiden Teams verlief weitestgehend unspektakulär, lediglich Flamengo zeigte zwei grössere Blockfahnen sowie etwas Konfetti. Was mich aber doch sehr verwundert hat war, dass beide Seiten sich recht wenig um das Abspielen der brasilianischen Hymne kümmerten und ihren Support einfach weiter durchzogen. Das offensive Auftreten Flamengos von Beginn an sowie das frühe 1-0 für die rubro-negro, die Rot-Schwarzen von Flamengo, hielten die Stimmung dann auch für lange Zeit am Kochen, bevor sie mit Näherrücken des Halbzeitpfiffs etwas abflachte. Auch die zweite Halbzeit begann sowohl auf dem Feld als auch auf den Rängen schleppend. Fast aus heiterem Himmel machte sich dann jedoch die Torcida von Vasco in einer an diesem Abend noch nie gehörten Lautstärke bemerkbar, jedoch lies die Antwort Flamengos nicht lange auf sich warten. Die folgenden zehn Minuten sind mit Worten nur schwer zu beschreiben. 40‘000 Flamengo-Fans in völliger Ekstase – singend, hüpfend, klatschend, die Arme nach vor und hinten wiegend. Was mich dabei am meisten begeistert hat, war, dass hier nicht einfach ein Programm heruntergespult wurde, sondern dass man quasi das Leuchten in den Augen eines jeden Einzelnen sehen konnte. Diese Hingabe, diese Leidenschaft, diese Begeisterung für den Fussball ist es, die ich an Südamerika so sehr liebe und die mich auch an diesem Abend einmal mehr verzaubert hat. Nachdem sich die Gemüter dann nach einiger Zeit wieder etwas beruhigt hatten, folgte rund zehn Minuten vor dem Abpfiff das 1-1 und damit der Stich ins Herz der Flamengo-Anhänger, der gleichzeitig den Anhang von Vasco zum ausrasten brachte. Hatten die Jungs von Vasco es zuvor noch schwer gehabt, sich gegen die zahlenmässige Übermacht Flamengos Gehör zu verschaffen, nutzten sie nun die Gunst der Stunde hauten dem in Schockstarre verfallenen Flamengo-Anhang bis Spielende lautstark ihre Lieder um die Ohren. Der Schlusspfiff bedeutete schliesslich den Einzug Vascos ins Viertelfinale und einen ekstatischen Jubel der 10‘000, die Dank des Triumphs über den Rivalen den Ligaalltag als abgeschlagener Tabellenletzter für einige Zeit vergessen machen konnten.
Insgesamt war dies mit Sicherheit eines der besten, wenn nicht gar das beste Spiel, welches ich jemals in meinem Leben gesehen habe. Sowohl die oftmals unglaublich hohe Lautstärke als auch die Leidenschaft und Liebe zum Fussball, die die Menschen an diesem Abend an den Tag gelegt haben, haben mir während des ganzen Abends wieder und wieder ein breites Grinsen ins Gesicht gezaubert und mich ungläubig den Kopf schütteln lassen. Das war Südamerika wie aus dem Bilderbuch. Das war Fussball, wie er sein sollte!

English Version:

The draw at the beginning of August decided that Vasco and Flamengo would meet in the country’s most heated derby in the round of the last 16 of this year’s Copa do Brasil. Pure excitement immediately after the draw was very soon followed by more and more doubts. Would the game really be that good? I had heard friends saying various times that Brazilians apparently only really care about a game if it was very important or if there was something to win. Some weeks before I had been to Grêmio – Internacional, the derby in Porto Alegre, which despite a 5-0 win for the homeside hadn’t been that amazing – point proved? Furthermore, only 35’000 fans had attended the first leg during the week before (which means the Maracanã wasn’t even half full!). All these facts led to the fact that I was quite skeptical when I left my hostel in Rio and headed towards the Maracanã on Wednesday night. However, the result of the first leg (1-0 for Vasco) meant that both sides had good chances to proceed to the next round – at least something.
Although Vasco’s actual home stadium is São Januario, the game was played in Maracanã due to security reasons. Bad luck you may say. However, the league tie between Vasco and Flamengo earlier this year was played in Cuiabá, which is almost 2’000km away from Rio (!!!), so maybe I was actually being lucky in this case.
At the stadium the size of the two clubs became quite obvious. Although they were playing as the home team, Vasco only managed to bring around 10’000 fans, which were occupying the upper tier of one of the two curves. The rest of the stadium was all filled with Flamengo supporters – roughly 40’000 that night.
Around 45 minutes before kick-off, the two sides started to sing their first songs. In general, the songs were less melodic, less complex and shorter than the songs of the Argentinian hinchadas. If anyone has ever seen videos or heard songs of Argentinian hinchadas, he or she may know that these can be very complex and long at times. Although the two sides at Maracanã weren’t using any instruments such as trumpets, only drums. However, compared to their Argentinian counterparts they were using a lot of large flags. Overall the support of Vasco and Flamengo seemed to be more „European“ than the support in other South American countries. This to be said: It didn’t mean the support was any worse. In fact, all my doubts about Brazilian passion for football was blown away when the two sides started to sing, getting louder and louder with every minute.
When the two teams were entering the pitch, Flamengo showed two huge flags and were used some confetti – nothing unexpected. However, what I found more surprising was that both sides didn’t seem to care much about the Brazilian anthem that was played but simply continued singing their songs. The team of Flamengo started off well and managed to score an early goal to make it 1-0. The score reinforced the atmosphere on the stands, where again and again Flamengo were singing with 40’000 people, giving Vasco a hard time to be heard. The second half started off somewhat worse, on the pitch as well as on the stands. Then – almost out of the blue – Vasco started some chants that were louder than any chant before that night – incredible! However, the answer of Flamengo that was about to follow was one of the most amazing performances I’ve ever seen in a football stadium. It truly was ten minutes of red and black madness: 40’000 Flamengo fans singing, chanting, jumping, waving their arms back and forth! However, the most amazing part was the fact that you could see the excitement, the love and the passion for football and for their in the people’s eyes. It is this what I love so much about South America. It’s not a show, not a production – it’s what they feel and how they feel. However, ten minutes before kick-off Vasco scored the 1-1. The Flamengo supporters who had dominated the game before were shocked. It was then when Vasco took over. Before they had had a hard time being heard with 40’000 Flamengo supporters singing against them. Now it was their turn to celebrate, to jump and to sing, pushing their players to the victory. Finally the referee saved them and ended the game, meaning that Vasco secured their place in the quarter finals – great news for the Vasco supporters, who are currently suffering at the very bottom of the Brazilian league table.
Overall this was definitely one of the best games – if not the best game – I have ever seen in my whole life. It was the incredibly loud chants on the one hand as well as the fact that one could so clearly feel the people’s passion and love for the game and their club on the other hand that made this game truly amazing. I caught myself with a huge smile on my face various times throughout the whole game, shaking my head because I couldn’t believe that this was really happening. This was South America as every European football supporter imagines it to be. This was football at its best!

11225363_889389934469456_3359221096112386072_n 11259713_889389677802815_4997674624893095589_n 11892016_889389737802809_6849979356151601756_n 11896263_889390204469429_3600555945831120770_n 11898738_889389804469469_4714515926989115897_n 11903715_889389494469500_5386306278141584746_n 11904698_889390021136114_7015676073693395527_n 11904725_889389481136168_6990153852506028473_n 11951136_889389957802787_4694279915505346087_n

Schreibe einen Kommentar