P1040788

16.12.2015 (19:00) Junior FC – Atlético Nacional 2:1

16.12.2015 (19:00)
Kolumbien Primera A Finale Hinspiel
Junior FC – Atlético Nacional 2:1 (2:0)
Estadio Metropolitano Roberto Meléndez
Zuschauer: 40’000 (Gästeverbot)

 

Barranquilla, Geburtsort von Kolumbiens Pop-Ikone Shakira, liegt an der von feucht-heissem Klima geprägten Nordküste Kolumbiens. Als traditionelle Hafenstadt lebt Barranquilla von Handel und Industrie, Sehenswürdigkeiten sind entsprechened rar gesät. Der beste Freund des Rucksackreisenden, der Lonely Planet South America, wartet mit lediglich einer viertel Seite über die Stadt auf. Auch bei Rückfragen am Busbahnhof erntete ich zumeist nur ratlose Blicke.

– Wohin ins Zentrum willst du denn?
– Ja ins Zentrum eben, ich möchte mir noch etwas die Stadt ansehen.
– Was möchtest du denn sehen?
– Keine Ahnung, die wichtigsten Sehenswürdigkeiten eben.
– Welche Sehenswürdigkeiten?
– Ja das müssen Sie mir doch sagen können, was es gibt!
– Naja, du kannst mal mit dem Bus in Richtung Universität fahren (oder um es mit Shakira´s Worten zu sagen: Wherever!)

Nachdem ich letztlich die im Busbahnhof ausgehängte Karte eingehend inspiziert hatte, beschloss ich, mit dem Taxi zum Parque Central zu fahren, da im Umkreis des Parque Central auf der Karte die meisten Gebäude und Kirchen bildlich dargestellt waren. Der Parque Central entpuppte sich dann als Kaufhaus für Elektrogeräte, gewissermassen die kolumbianische Version von Mediamarkt oder Saturn. Allerdings besteht der Parque Central aus gefühlt 100 Einzelgeschäften, die alle versuchen ihre gefälschten Handys, Spielkonsolen, Ohrstöpsel und Ladegeräte unters Volk zu bringen. Wer in diesem Fall wie ich versucht, ein Ladegerät für sein Handy zu erstehen, der hat die Wahl zwischen einem Original-Ladegerät (wirklich?) und einem “Generico”, wie sie es hier nennen. Für die einen eine einfache Fälschung, für die anderen ein Generikum – man muss sie einfach lieben, diese Mischung aus Einfallsreichtum und Dreistigkeit (oder ist es doch Gewitztheit?), die die Südamerikaner ein ums andere Mal an den Tag legen. Was weitere Sehenswürdigkeiten anbelangt blieb ich indessen erfolglos, eine spätere Internetrecherche offenbarte jedoch einen Plaza San Nicolas, eine gleichnamige Kirche sowie ein kleines Schloss.

Der Junior FC, auch bekannt unter seinem ehemaligen Namen Atlético Junior, ist das sportliche Aushängeschild der Stadt. Mit dem Gewinn von bislang sieben Meistertiteln, sowie der diesjährigen Copa Colombia zählt Junior zu den erfolgreichsten Vereinen Kolumbiens. Der Verein spielt traditionell in rot-weiss gestreiften Trikots, einer Reminiszenz an die Flagge des Departements Atlantico, dessen Hauptstadt Barranquilla ist. Zu den grössten Gruppierungen des Vereins zählen La Banda de los Kuervos (Die Band der Raben), der Bloke Central und die Frente Rojiblanco Sur (Rot-Weisse Front Süd).

Nachdem sich Junior im diesjährigen Torneo Finalización als zweiter des Ligamodus für die Ausscheidungsrunde qualifiziert hatte, wurde im Viertelfinale erst der spätere Gewinner der Copa Sudamericana, Independiente Santa Fe aus Bogotá, aus dem Rennen geworfen sowie im Halbfinale der Club Deportes Tolima. Im Finale wartete nun der leich favorisierte Rekordmeister Atlético Nacional aus Medellín.

Obwohl bereits den ganzen Tag über in der ganzen Stadt Menschen in rot-weissen Trikots unterwegs waren, wollte sich irgendwie keine wirkliche Finalatmosphäre einstellen. Das Gefühl, dass hier und heute grosses möglich war und Junior mit einem Sieg im Hinspiel den Grundstein für einen möglichen Doublegewinn und damit den grössten Erfolg der Vereinsgeschichte legen konnte, blieb aus. Auch im nicht ganz ausverkauften Estadio Metropolitano blieb es bis kurz vor Anpfiff relativ ruhig. Kurz vor dem Einmarsch der beiden Teams wurde es dann zum ersten Mal laut im Stadion und als die beiden Mannschaften das Spielfeld betraten, war über das ganze Stadion verteilt eine grosse Choreo zu sehen, welche an die vergangenen Meistertitel des Vereins erinnerte. Während des Spiels verteilte sich der Stimmungskern dann auf zwei Seiten: Die Banda de los Kuervos im Norden sowie der Bloke Central und die Frente Rojiblanco Sur im Süden. Nur selten, beispielsweise nach den Toren oder kurz nach Anpfiff bzw. Wiederanpfiff, wurden beide Kurven zu einer grossen Einheit und sang das ganze Stadion ein gemeinsames Lied – in diesen Momenten wurde es dann jedoch ohrenbetäubend laut. Sowohl zu Beginn als auch nach den Toren wurde zudem in beiden Kurven vereinzelt Pyro gezündet. Stimmunsmässig erinnert Kolumbien sehr stark an Argentinien: Die Lieder sind grösstenteils gleich und eine Band mit Trommeln und Instrumenten gibt die Lieder vor. Wer sich Videos von Kurven aus beiden Ländern ansieht wird jedoch feststellen, dass die Melodien der einzelnen Lieder in Argentinien etwas besser zur Geltung kommen als in Kolumbien.

Was das Spiel selbst anbelangt ging Junior bereits früh in der ersten Hälfte mit 2:0 in Führung, versäumte es jedoch trotz zahlreicher guter Möglichkeiten den Vorsprung noch weiter auszubauen. In der zweiten Halbzeit konnte ein insgesamt schwaches Nacional dann auf ein aus Gästesicht eher schmeichelhaftes 2:1 verkürzen, was letztlich auch den Endstand bedeutete. Obwohl in Kolumbien die Auswärtstorregel nicht gilt, stellt das 2:1 trotz allem keine optimale Ausgangslage für Junior dar: Gänzlich ohne Unterstützung der eigenen Fans dürfte es am heutigen Sonntag vor mehr als 40‘000 Nacional-Fans im ausverkauften Estadio Atanasio Girardot in Medellín äusserst schwer werden, den knappen Vorsprung zu verteidigen.

Fotos & Text: Flo

Schreibe einen Kommentar